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14.05.2019
Holger Schmale
Grundstücksgesellschaft Franz-Mehring-Platz 1 mbH
Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin

Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin

„Einen, vielleicht auch zwei Momente lang fühlt es sich an wie auf einer Zeitreise. Den Ostbahnhof hinter sich, biegt man auf die Straße der Pariser Kommune ein und sieht eine DDR Fahne im frischen Wind flattern. Sie wirbt für das Restaurant Volkskammer, das mit ostalgischer Speisekarte und einem Originalplakat „Meine Heimat DDR“ eine ganz eigene Erinnerungskultur pflegt, hier gibt es Goldbroiler, Schweinesteak Letscho und Wurstgulasch. Ein paar Schritte weiter taucht dann das Ziel auf, das auf den ersten Blick viel mit solchen Erinnerungen zu tun haben mag. Es ist ein lang gestreckter Betonriegel mit vielen Fenstern, von dessen Dach seit 1972 ein schlichter Schriftzug unverändert eine Botschaft verkündet: Neues Deutschland.


18 Jahre lang erschien hier das „Zentralorgan“ der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, die maßgebende Zeitung der DDR mit einer Millionenauflage, persönlich kontrolliert von Erich Honecker und manchmal sogar von ihm redigiert. Es ist natürlich kein Zufall, dass dieser Schriftzug noch immer das Gebäude ziert. Es gehört den Erben jener Partei, die es als politischen Ort erhalten wollen. Die zwar mit dem real existierenden Sozialismus der DDR, wie es damals hieß, nur noch wenig am Hut haben, mit der Idee eines anderen, eines „neuen Deutschland“ aber durchaus.


Dort, wo einst 500 Redakteure, Drucker und Verlagsmitarbeiter jeden Tag das ND produzierten, arbeiten heute an die 100 Firmen, Stiftungen, Initiativen und Parteien, die meisten mit einem gesellschaftspolitischen Anspruch. Auf den acht Etagen mit langen Fluren und vielen Büros ist in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ein buntes linkes Biotop entstanden. Wer die Treppenstufen zum Haupteingang und die Glastüren mit dem ND-Emblem passiert hat, stößt auf ein mehr als mannshohes Verzeichnis der Mieter – von der Filmproduktion almost famous bis zur Konzertagentur Zeitzubleiben.


Dazwischen gibt es einige alte Bekannte aus der DDR wie den Dietz-Verlag, die Defa-Stiftung oder die „Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger bewaffneter Organe und der Zollverwaltung der DDR“. Zum Umfeld der heutigen Linkspartei gehören die Rosa-Luxemburg-Stiftung und natürlich das Neue Deutschland, das hier (wieder) produziert wird, wenn auch nur noch auf einer Etage. Es gibt Büros konkurrierender Parteien wie der DKP oder der Mini-KPD, daneben aber vor allem viele kreativ Schaffende, Webdesigner, Fotografen, PR-Agenturen, Journalisten, Architekten und einige Rechtsanwälte.


Bastian Koch ist einer von den Kreativen. Der 40-Jährige sitzt im Hoodie auf einem himmelblauen Sofa, auf dem Schoß sein Laptop, auf dem Kopf ein Basecap. Er ist Gründer der Netzagentur Keksbox. Sie gestaltet Webseiten, Logos, organisiert Social-Media-Workshops. Daneben arbeitet Koch als Dozent für digitale Marketingstrategien...“


Dieser Artikel erschien in ungekürzter Fassung am 14. Mai 2019 in der Berliner Zeitung.