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25.09.2019
Niloufar Tajeri
Signa Holding
Hermannplatz 5-10, 10967 Berlin

Karstadt am Hermannplatz 5-10, 10967 Berlin
Karstadt am Hermannplatz 5-10, 10967 Berlin

Die Eigentümerin Signa Holding plant den Abriss des Karstadt-Nachkriegsgebäudes am Hermannplatz und die Rekonstruktion der alten Fassade aus dem Jahr 1929 durch David Chipperfield Architects. Signa ist eine globale, auf Profitmaximierung ausgerichtete Immobilienaktiengesellschaft. Sie besteht aus hunderten Tochterunternehmen, Privatstiftungen und Briefkastenfirmen. Das Karstadt-Gebäude gehört zur Signa Prime Selection AG mit 25 “Trophy-Immobilien”. Für Signa ist der Wert der Immobilie wichtig, nicht ob es hier ein Kaufhaus gibt. Profit macht der Konzern mit der Vermietung von Flächen an andere Unternehmen, die für die Lage in der Innenstadt hohe Mieten zahlen. Daher ist es ihr bei der Planung des Beton-Neubaus wichtig, die Gesamtfläche des Gebäudes zu maximieren: Die aktuelle Gesamtfläche beträgt ca. 45.000 m2, das geplante Projekt umfasst ca. 100.000 m2. Ein Vergleich: der KaDeWe hat eine Fläche von ca. 60.000 m2. Es wird also deutlich, dass es der Eigentümerin um Profitmaximierung geht und nicht etwa darum, was lokal gebraucht wird. Im Gegenteil, die Anwohner_innen würden, falls das Projekt zustande kommt, auch noch bezahlen müssen: mit 5-10 Jahren Großbaustelle an einem der wichtigsten Plätze Neuköllns, mit noch mehr Mietsteigerungen (146% in den letzten 10 Jahren), noch mehr Gewerbesterben im Umfeld und noch mehr Spekulation in Kreuzberg und Neukölln. Kurz: mit noch mehr Verdrängung.


Auch die ökologische Frage ist enorm problematisch. Wir alle wissen: wenn wir so weitermachen, steuern wir auf eine Klimakatastrophe zu. Wir brauchen eine radikale Abkehr von der bisherigen Baupraxis und müssen vermehrt ohne Abriss und Neubau auskommen.


Das Karstadt-Gebäude erfüllt seinen Zweck, es schreibt schwarze Zahlen, deckt den lokalen Bedarf und ist nicht vom Einsturz gefährdet.


Abriss und Neubau sind Irrsinn, denn Abriss bedeutet Müllproduktion und -entsorgung. Zumal der Energie- und Ressourcenverbrauch eines Beton-Neubaus riesig ist: Beton ist der größte Klimakiller: Die Herstellung benötigt Zement. Weltweit stößt die Produktion von Zement mehr CO2 aus, als der globale Flugverkehr und Beton benötigt Unmengen Sand, der weltweit aus Flüssen, Meeren und Bergen abgebaut wird, die Natur zerstört und Menschen vertreibt.


Das geplante Großprojekt wird an dieser Stelle also nicht nur enorme Auswirkungen auf die gesamte Umgebung bedeuten - sprich noch mehr Verdrängung, noch mehr „Aufwertung“, noch weniger POC – sondern auch globale Schäden anrichten.


Die Initiative Hermannplatz (https://initiativehermannplatz.noblogs.org) setzt sich aktiv gegen das Vorhaben ein, das auch vom Stadtentwicklungsamt Friedrichshain-Kreuzberg, der planungsbefugten Instanz, abgelehnt worden ist (https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/aktuelles/pressemitteilungen/2019/pressemitteilung.842018.php).


Doch das Unternehmen gibt nicht auf – es hat angekündigt so lange „Überzeugungsarbeit“ zu leisten, bis es bekommt, was es will. In Bozen hat Signa schon einmal 10 Jahre langen Atem bewiesen und es mit einer groß angelegten Kampagne sowie Klagen geschafft, die öffentliche Meinung um 180 Grad zu drehen. Im Karstadt am Hermannplatz haben sie nun schon eine Ausstellung für ihr Großprojekt ausgerichtet, sie haben eine „Box“ gebaut, die für einen „Bürgerdialog“ geplant ist – und umgehen mit dieser Kampagne einen behördlichen Beschluss sowie eine aktive Zivilgesellschaft, die sich gegen das Projekt ausspricht.


Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Gabriele Gottwald (LINKE): Neue Shoppingmall am Hermannplatz (II) – Antwort vom 16.10.2019 (http://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/18/SchrAnfr/S18-21126.pdf)


Bitte schreibt uns, wenn Ihr mehr zu diesen Themen wisst!
https://www.wem-gehoert.berlin/kontakt


Mehr Informationen:
http://www.kiezversammlung44.de


Nachtrag vom 3. März 2020 bei Marlowes, frei04 publizistik: "Ein Lehrstück über die kommerzielle Aneignung von Geschichte und spekulative Stadtentwicklung am Neuköllner Hermannplatz“, siehe auch: https://www.marlowes.de/eine-projektentwicklung-der-besonderen-art