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"Fahrbereitschaft"

07.11.2019
Petra Ahne und Ingeborg Ruthe
haubrok foundation, Barbara und Axel Haubrok
Herzbergstraße 40–43, 10365 Berlin

„Fahrbereitschaft“, Herzbergstraße 40–43, 10365 Berlin-Lichtenberg
„Fahrbereitschaft“, Herzbergstraße 40–43, 10365 Berlin-Lichtenberg

Die Kunst des Miteinanders - Sind Künstler die Vorboten von Verdrängung  – oder bringen sie Energie und Flair bis in die farblosen Ecken der Stadt? Eine Geschichte aus Lichtenberg, die von einem Grundkonflikt des wiedervereinten Berlins erzählt.


Axel Haubrok sagt, er mag den Ausstellungstitel: „Out of order“. Man kann das schlicht mit „außer Betrieb“ übersetzen oder, anspielungsreicher, mit: vom Normalen weggerückt; nicht so, wie man vermuten würde. Letzteres passt zu der Kunst, die er sammelt und in der oft Alltagsgegenstände vorkommen, irritierend und humorvoll verfremdet. Es passt aber auch zu dem, was ihm und seiner Kunst in Berlin passiert ist – und was am Ende dazu geführt hat, dass Axel Haubrok nun, an einem Donnerstagmorgen Ende Oktober, eine Gruppe Journalisten durch einen hellen, saalartigen Raum im Nürnberger „Neuen Museum“ führt. Ein Presserundgang, einen Tag bevor „Out of Order. Werke aus der Sammlung Haubrok, Teil 1“ für das Publikum geöffnet wird.


Der flüchtige Blick nimmt eine Ansammlung vertrauter Dinge wahr, da steht ein Auto, ein Klavier, Stühle, Teller, ein riesiger Blumenstrauß. Erst beim genauen Hinsehen trennen sich die Gegenstände, zeigen, was sie über das Alltägliche hinaushebt, geben sich als Kunst zu erkennen. Axel Haubrok, Ende 60, vergnügter Blick hinter einer Brille mit dickem schwarzen Rand, geht von Werk zu Werk, er erklärt seine Kunst gern und findet auch, dass man das tun soll: sie verständlich machen, Berührungsängste nehmen. Er greift sich ein Sofakissen, das mit scharf geschlagener Kante auf einer Stele steht. Das sei ja ganz schön teuer für ein Sofakissen, habe er zu dem Künstler Hans-Peter Feldmann gesagt. Aber er mag es, wie Feldmann mit normalen Dingen arbeitet, die kulturelle Bedeutung offenlegt, die wir ihnen geben. Die Kante zum Beispiel: ein sehr deutscher Umgang mit Kissen.


Barbara Haubrok lächelt. Sie lässt ihren Mann reden, dem es spürbar Freude macht, über die Kunst hier zu sprechen. Man merkt aber, dass sie mit den Werken hier genauso vertraut ist wie er. Jedes einzelne dieser Stücke und noch hunderte mehr haben sie zusammen entdeckt und gekauft, in Galerien, auf Kunstmessen, direkt bei den Künstlern. Es ist ihr gemeinsames Projekt. Seit 30 Jahren sammeln sie Konzeptkunst, die jüngste, wegweisendste und auch sperrigste, die es gibt, und zeigen sie auch. Seitdem Axel Haubrok seine Firma für Finanzkommunikation verkauft hat und beide vor elf Jahren aus Düsseldorf nach Berlin gezogen sind, bestimmt Kunst noch mehr ihr Leben.


Kunst versus Gewerbeordnung - Wäre alles gelaufen wie geplant, hätte die Ausstellung auch ungefähr zu diesem Zeitpunkt eröffnet – nur nicht in Nürnberg, sondern in Berlin-Lichtenberg. Am Rande eines knapp 20.000 Quadratmeter großen Gewerbehofs in der Herzbergstraße, den Axel Haubrok und seine Frau 2013 gekauft haben, stünde jetzt ein transparenter Kubus, erbaut vom Architekten Arno Brandlhuber, und im Inneren dieser Ausstellungshalle wäre die Auswahl aus der Sammlung zu sehen. Die Schau in der Fahrbereitschaft, einem geschichtsträchtigen Gelände, auf dem die DDR-Regierung ihren Fuhrpark und Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski seine Geschäfte betrieb, wäre eines der Kunstereignisse der Saison gewesen.


Doch es ist nicht gelaufen wie geplant. Den Bau der Kunsthalle hat Birgit Monteiro, die Baustadträtin von Lichtenberg, untersagt sowie im April 2018 überhaupt Ausstellungen auf dem Areal, unter Androhung einer Strafe von einer halben Million Euro. Sie berief sich auf die Gewerbeordnung. Kunstausstellungen wären der erste Schritt zur Verdrängung des ansässigen Gewerbes, das war ihre Haltung, an der weder runde Tische noch Vermittlungsversuche der Senatsverwaltung etwas änderten.


Dieser Artikel erschien in ungekürzter Fassung am 7. November 2019 in der Berliner Zeitung:
https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/fahrbereitschaft-lichtenberg-verdraengung-und-die-kunst-des-miteinander-li.827