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Haus Poelzig

22.05.2020
Kolja Missal
Wer kennt ihn/sie?
Tannenbergallee 28, 14055 Berlin

Tannenbergallee 28, 14055 Berlin . Originalzustand
Tannenbergallee 28, 14055 Berlin . aktuelle Situation

Es ist erschreckend, dass in Berlin-Westend das Haus Poelzig (Baujahr 1929/30) der Architektin und Bildhauerin Marlene Moeschke-Poelzig, in dem sie mit ihrem Ehemann Hans Poelzig bis zu dessen Tod 1936 gelebt hat, akut vom Abriss bedroht ist. Ein einmaliges Denkmal der Emanzipationsgeschichte in der Architektur. Besonders hervorzuheben ist dabei, der Grundriss im Erdgeschoss. Frau Moeschke-Poelzig plante hier, gleichberechtigt zum Arbeitsbereich, einen abgeschlossenen Bereich für die drei Kinder mit Spielzimmer und kleinem Pool statt repräsentativen Brunnen im davor gelagerten Außenbereich.


Grundriss, Ausstattung und Garten der Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher der Villa in der Tannenberg Allee 28 sind heute größtenteils erhalten.


In den 1930er Jahren versteckte Frau Moeschke-Poelzig die jüdische Opernsängerin Ursula van Diemen in dem Haus und ermöglichte ihr und ihrer Familie das Untertauchen vor dem NS-Regime. Um so erschreckender, dass nach dem Tod Hans Poelzigs der NS-Propaganda Regisseur Veit Harlan in dieses Gebäude einzog und vermutlich hier den NS-Hetzfilm „Jüd Süß“ schnitt.


Leider wurde das Dachgeschoss des Gebäudes in den Nachkriegsjahren von dem neuen Eigentümer, der Westfälischen Transport A.G. radikal umgebaut. Das moderne Flachdach wurde durch ein traditionelles Walmdach ersetzt. Dieser Umgang mit dem Erbe der Moderne wird heute von Denkmalpflegern ebenfalls als erhaltenswert angesehen.


Die Villa Poelzig soll nun dem Neubau eines luxuriösen Mehrfamilienhauses weichen.


Es ist ein Trauerspiel der Berliner Verwaltungslandschaft, dass dieses einmalige Kulturdenkmal der 1930er Jahre bisher nicht für die Nachwelt gesichert werden konnte.


Artikel in der Bauwelt 10.2020 von Tanja Scheffler: Südlage mit Abrisssubstanz?


Nachtrag vom 20.06.2021
"Seit Freitag erinnert eine Gedenktafel an der Tannenbergstraße 28 in Berlin-Westend daran, dass die Villa dort 1930 von Marlene Moeschke-Poelzig entworfen worden ist, Gattin und oft auch beruflich Partnerin des Architekten Hans Poelzig. Die Tafel, die von der Künstlerin Hannah Cooke angebracht wurde, soll nicht nur darauf hinweisen, dass hier ein Bau von einer Frau der klassischen Moderne stammt, die oft als reiner Männerklub wahrgenommen wird. Es geht auch darum, dass dieser Bau nach dem Krieg im biederen Landhausstil verbastelt wurde, deswegen keinen Denkmalschutz genießt - und nun dem Abriss geweiht ist. Der Besitzer plant ein besser verwertbares Mehrfamilienhaus, das die Wohnungsnot in Berlin zwar auch nicht wesentlich lindern dürfte, dafür aber ein Werk von einer Frau der Moderne kostet, das genauso gut auch hätte wieder wachgeküsst werden können." Peter Richter, Süddeutsche Zeitung
Siehe auch: http://hausmarlenepoelzig.de


Link zur Petition zum Erhalt der Villa Poelzig mitzeichnen: http://chng.it/HNynRhg2


Nachruf vom 11. November 2021
Endgültig: Marlene-Poelzig-Haus im Westend abgerissen